Jun
08

Die Politiker die sich entschlossen, Killerspiele zu verbieten, setzen nicht im Mindesten Fantasie ein mit der sie erkennen könnten, dass die Virtualisierung von Lebenserfahrungen die man in der modernen Gesellschaft nicht praktisch erwerben kann, nicht erst jetzt begonnen hat. Durch Interaktivität haben wir nur erreicht, dass es uns realer erscheint. Die Moral von der Geschichte ist ja gerade, Aggressionen und Gewalt nicht real ausleben zu müssen. Diese Kompensation funktioniert zudem umso besser, je realistischer die Darstellung ist. Wenn jemand eine solche Erfahrung in der Realität umsetzt sagt das allenfalls aus, dass ihm das Erlebnis noch nicht realistisch genug war.

Der Grund, den Amokläufer für ihre Taten vorgeben ist irrelevant. Erstens ist er konstruiert, und zweitens liegt er auf der Hand. Sie wollen Bedeutung haben.

Mrz
14

“Amok”. Der Begriff benennt eine plötzliche, willkürliche, nicht provozierte Gewaltattacke mit tödlichem oder zumindest erheblich destruktivem Ausgang, gefolgt von Amnesie, Erschöpfung, mitunter auch Selbstverstümmelung oder Selbsttötung.

Da geht es wieder durch die Medien, dieses Wort, mit dem jene die damit in Winnenden in Berührung kamen, heute andere Eindrücke verbinden, als wir Ahnungslosen, die nur darüber reden müssen. Wohl bekam ich die Geschehnisse in meinem Twitterstream mit – und schwieg bis jetzt. Wie müssen sich jene gefühlt haben, neben denen plötzlich Menschen von tödlichen Kugeln getroffen zusammensanken? – Das frisst sich einem ins Gehirn. Die verzweifelten Liebenden die jemanden verloren, die Wut, die Trauer, der Schmerz. Was sich aber dem ins Gehirn gegraben haben muss, der sowas tut! – Das fängt nicht erst durch Computerspiele an zu wirken. Diese sind bereits ein Symptom, und kein sehr zuverlässiges, denn viele tun es und erschießen trotzdem keine Menschen.

Niemand will einen solchen Amoklauf miterleben, und es ist verständlich, dass das reale Erleben, dass etwas so schlimmes tatsächlich geschehen kann, dazu führt, nach Maßnahmen Ausschau zu halten, die weitere Begebenheiten dieser Art verhindern. Mir Entsetzen schreibe ich auf, was mir eben durch den Kopf schoss, nämlich dass dies nicht das letzte Ereignis dieser Art gewesen sein dürfte, und sogar davon auszugehen ist, dass sich Variationen entwickeln werden. Denn was heute genug war, ist morgen schon wieder zu wenig.

Die bösen Computerspiele sind jetzt wieder in den Fokus gerückt. Es muss schließlich ein Schuldiger gefunden und bestraft werden. Der Amokläufer gilt nicht als voll und ganz zurechnungsfähig, und außerdem ist er tot. “Man” sieht Handlungsbedarf, Regulierungsüberlegungen machen sich breit, weil wir ja eh keine anderen Sorgen haben. Wenn in der Bürokratie was schief läuft, läuft im bürokratischen Gehirn das Regulierungsparadigma ab. Der Druck wird mit enger werdendem Spielraum doch nur größer.

Millionen von Computerkids reagieren sich an den Bildschirmen ab oder haben einfach nur Spaß. Dann und wann gibt es einen, für den reicht das was er aus Computergames bezieht eben nicht, zumal er als Einzelgänger wenig Gelegenheiten haben dürfte, auf WLan-Partys vorstellig zu werden und sich über das gemeinsame Interesse zu sozialisieren. Interessant wäre doch mal sich damit zu befassen, wie viele von einschlägigen Spielen davon abgehalten werden, Gewalt real ausüben zu wollen. Da sie ja nicht auffällig werden, tut das aber kaum einer.

Was wird mit dem tief liegenden Bedürfnis, sich virtuell auszutoben passieren, wenn es diese Computerspiele nicht mehr gibt? – Hm? – Lässt man Die Jungen dann wieder über Wiesen tollen oder wilde Lagerfeuer an See- oder Flussufern entzünden? – Wohl kaum. Ein Verbot von Gewaltspielen generiert weder Einsicht noch Haltung. Mit jeder Regulierung dürfen alle immer weniger. Da platzt eben dann und wann einem stärker Benachteiligten der Kragen. Mit (trügerischer) Sicherheit hingegen geht lediglich Freiheit verloren.

Winnenden ist ein Beispiel mehr, das aufzeigt, dass unsere Kinder uns brauchen, und wir uns ihnen nicht von Konsum und Wirtschaft wegstehlen lassen dürfen. Es mag ja das Gewissen beruhigen, stattdessen Verbote zu fordern, aber Lösung ist es keine.

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