Mai
21

Web 2.0 gab den Menschen etwas Verlorenes wieder, nämlich die Bereitschaft einzuräumen, dass “man es nicht erklären kann”, sondern “erleben” muss. Der Microbloggingdienst Twitter ist konzentrierte Verkörperung davon. Die Antwort auf “was bringt Dir Twitter eigentlich?” würde jeder anders formulieren. Wer den Nutzen von Twitter für sich ermitteln will, kann sich dabei nicht auf Urteile Dritter verlassen, nur auf sein eigenes. Denn er betritt einen Raum, der ungewohnt für uns geworden ist. Den einer ihren eigenen Impulsen folgenden Individualität, die unweigerlich, bereichert von den Beiträgen ihrer Followings, zu einer Erweiterung der eigenen Sichtweise führt. Weil es so schnell geht, ist die Selektion weniger kritisch. Kurzentschlossener als sonst gibt man sich den Klick auf Nachrichtenmeldungen oder anderer Menschen Blogs mit deren Themen und Sichtweisen, lässt seine Augen darüberschweifen und nimmt, selbst wenn man nicht darin liest, ein paar neue Eindrücke mit.

Angeblich wäre Twitter zu schnell, um überhaupt Zeit dafür zu haben, die Vielzahl an ständig neuen Eindrücken emotional zu verarbeiten. Doch was hierbei nicht in die Tiefe gehen kann, wird durch die Vielzahl an Impulsen ausgeglichen. Die Relevanzen werden durch die Häufigkeit des Auftretens eines Eindrucks geprägt statt durch seine Intensität. Durch die breite Streuung schwindet das Risiko eines massiven Fehlurteils am Einzelfall. Das Ergebnis muss keineswegs oberflächlich sein, zumal wenn die Bandbreite hoch ist. Auf diese Weise erhöht sich die Anzahl beteiligter Werte, und viele davon sind von anderen beeinflusst, die sich jedoch die Relevanz teilen müssen, was insgesamt zu mehr Ausgewogenheit führt. Das ist ein bisschen, wie wenn die Gehirne sich zusammenschalten, und allen Beteiligten eine gemeinsame größere Bandbreite zur Verfügung steht.

Das Internet als Verbindungs- und quellenreiches Differenzierungswerkzeug ist zum Wegbereiter einer neuen Haltung avanciert. Neue Lebensmodelle werden vorstellbar, und somit greifbar. Social Aggregation aggregiert menschliche Werte, entfaltet dadurch eine größere Intelligenz. Es ist ein ungeheurer Entwicklungsschritt, der da gerade stattfindet und wird meines Erachtens darauf hinauslaufen, Menschen an ihren Werten miteinander zu verbinden. Die Semantik erfüllt das zum Teil schon.

Apr
29

Antwort auf TAZ-Kommentar: der Wahnsinn aller (“Was aber brauchen wir ganz bestimmt nicht? Blogs etwa, in denen man bloggen kann. Oder gar das Twittern; vom Chatten in Quatschräumen (Chatrooms) ganz zu schweigen. Im Grunde brauchten wir eigentlich noch nicht einmal zu wissen, worum es geht, denn vermisst haben wir das alles ja bislang ohnehin nicht”)

Die Philippika sei kein Plädoyer gegen die Nutzung des Internet. Der Autor stuft seine Beitragsform selbst als Angriffs- Brand- oder Kampfrede ein. Das darf überzogen sein, und meine Reaktion ist daher auch nicht als Entgegnung gedacht. Der Beitrag inspierte mich dazu, etwas über meine Sicht von Netzaktivitäten zu schreiben.

Dass die Inhalte von vielen wenn nicht gar aller Blogs kritikwürdig sind, dagegen ist nichts zu sagen. Die Kritik findet ja statt. Es geht nicht um das Medium, sondern um die Inhalte. Eine Entwicklung in die Untauglichkeit zu verweisen, die von so vielen Menschen getragen wird, käme Realtitätsverlust gleich. Mit 50 Plus seid ihr außerdem noch zu jung, Blogs, Twitter und andere Social-Web-Anwendungen auszulassen :-).

Ein menschliches Gehirn kann ein Leben lang lernen, sofern kein Gebrechen das verhindert. Wenn es allerdings nur die anderen tun und man selbst nicht, kann einen das in arge Verlegenheit bringen, zum Beispiel nicht zu erkennen, dass man im Netz so viel Volumen haben kann, wie man selbst bereit ist zu füllen. Nicht nur Eliten wünschen sich Bedeutung zu haben, sondern jeder Mensch. Und was war Veröffentlichung je anderes, als Selbstdarstellung, die sich wohl sachlich äußern kann, aber keineswegs immer so daherkommt?

Ich kenne Menschen jenseits der Fünfzig die hervorragend mit Web 2.0 zurechtkommen, in diesem neuen Freiraum regelrecht aufblühen und auf Grund ihrer Lebenserfahrung sehr viel mitzuteilen haben. Starrheit ist keine Frage des Alters sondern der Haltung, wobei ich nicht beurteilen kann, in wie weit bei manchen Menschen physische Faktoren daran beteiligt sind, die auch mit ursächlich für das Bedürfnis sind, sein verkrustetes Modell auf andere zu übertragen.

Was ist falsch daran, sich seine eigene Meinung zu bilden und kundzutun, statt jene von Meinungsbildnern einfach zu schlucken wie es bisher üblich war? Information wurde viel zu lange passiv konsumiert. Heute wird sie aktiv mit gestaltet, und ja, sie muss nicht immer richtig sein. Auch Nicht-Journalisten sind fehlbare Menschen.

Wie man am Gesamtergebnis sehen kann – Systemkrise – hat der bisherige Informationsfluss nicht gereicht. Das Vertrauen zu denen, die zu uns sprachen, ist nicht von ungefähr schwer angeschlagen. Zu einem beachtlichen Anteil waren dafür Werbeaussagen ursächlich, die Medien uns überbrachten. Natürlich mussten sie mit den Inserenten nicht einer Meinung sein, aber wären die auf hehre Kritik ihres Botschaftenmediums gestoßen, hätten sie kein Geld für Inserate bezahlt. Die meisten Blogs müssen nicht finanziert werden, und wenn wer “zensiert”, dann ist es nur der Autor selbst, und nicht der Chefredakteur oder Verleger. Mancher mag sich der Verantwortlichkeit noch nicht bewusst sein, die damit verbunden sein kann. Die aber teilt er sich immerhin mit vielen, was wiederum das Risiko streut. Niemand der sich mit Blogs befasst, liest schließlich nur ein Blog.

Vielfalt – oder die Verteilung von Relevanzen – gefällt vielen nicht, die bisher mehr oder weniger unbehelligt auf der erlangten Stufe in der Hierarchie ihrer Zunft hockten. Ihre Existenzberechtigung kann aber nicht darin bestehen, ihre Position zu halten, indem sie ihre Potentiale dazu aufwenden, die Potentiale anderer auszuhebeln oder pauschal abzuwerten. Das wäre unprofessionell und keineswegs zielführend, sondern reiner Selbstzweck. Der Sinn von Machtpositionen in einer Demokratie ist es, Probleme die alle betreffen zu lösen. Wenn sie das nicht bewältigen, muss mehr Potential und Beteiligung eingebracht werden, und das erfordert logischerweise mehr Menschen.

Das Stromsparargument verstehe ich nicht ganz. Stattdessen dem Fernsehen zu frönen verbraucht ebenfalls Strom – und Zeitungen drucken ist auch nicht ohne. Jeden Tag könnten Millionen von Tonnen Papier eingespart werden, gäbe es nur noch Onlinemedien, klimaschädliche Transporte entfallen, Urwälder stehen bleiben, und die ganze Verarbeitungsmaschinerie eingestampft werden, die da noch am Papier dran hängt.

Wenn die Bedeutung anderer Menschen zunimmt, noch dazu auf dem eigenen Feld, relativiert sich die eigene Position oberflächlich betrachtet zu eigenen Ungunsten. Andere hingegen sehen die Mehrbeteiligung als Ver- und Bestärkung. Wo soll da mehr Wahnsinn sein also vorher? Vernunft war es mal sicher nicht, die uns in die Krise führte. Ein breiteres Spektrum von Meinungen, Ideen und Initiativen ist noch das Beste was uns passieren konnte, in einer Zeit, in der wir lernen müssen, grundlegend umzudenken. Je mehr klassische Medienvertreter gegen Blogs, Twitter & Co wettern (habt ihr uns sonst wirklich nichts mehr zu sagen?), umso interessanter werden diese außerdem. Denn solche Töne würde man kaum hören, witterten jene die sie hervorbringen, kein nie gekanntes Veränderungspotential, das die bisherigen Methoden abzulösen droht.

Oh ja, das IST das reale Leben.

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Apr
26
Springtime Twitter, after Hokusai
Image by Mike Licht, NotionsCapital.com via Flickr

Die interdisziplinäre Betrachtung unserer Beschaffenheit und der unserer Lebensumgebung sollte eigentlich nochmal alles was wir wissen in einem neuen Licht erscheinen lassen, und ich schätze den bevorstehenden Effekt als vergleichbar bedeutsam ein wie jenen den die Aufklärung hatte, oder Darwins Buch „Entstehung der Arten“.

Wachstum ist nicht das biologische Ziel, erwachsen werden ist es. Damit einher geht ein höherer Anspruch an die Dinge, man wird selektiver, Qualität rückt in den Vordergrund, die Erfüllung wird zielgerichteter. Weniger Verbrauch bei mehr Lebensqualität sind die Konsequenz. Nicht umgekehrt, so wie jetzt.

Es ist keineswegs gewinnbringend, alte Werte durch neue zu ersetzen oder zu beschränken. Um der steigenden Komplexität gewachsen zu sein, brauchen wir mehr Werte, nicht weniger, also auch mehr Menschen die anteilnehmen, sich einbringen, ihre individuellen Vorstellungen von Glück und Erfüllung umsetzen (dürfen). Dadurch verteilt sich Relevanz (schon klar, dass die derzeit Relevantesten das nicht so gerne wollen, dafür habe ich volles Verständnis, aber da sie nun mal unbestreitbar nicht alle Menschen in ihr Denken integrieren können, hoffe ich, dass sich auch deren Verständnis wandeln wird), und was wir in Folge global abbilden, entspricht dann wieder stärker dem ganzheitlichen Denken, mehr Aspekte werden integriert. Die Entwicklung geht dadurch in die Breite, und Vielfalt kann entstehen, Risikostreuung.

Ich bin überzeugt, dass die wenigsten Menschen umwelt- und sozial abträglich leben wollen, denn in unserer Natur kann es schwerlich liegen. Andererseits hat Gewöhnung dazu geführt, dass viele gar nicht auf die Idee kommen, dass sie dazu genötigt werden, zum Beispiel auf Grund von Sachzwängen, denen jeder unterworfen ist, ohne die Wahl zu haben. Ein freilebendes Tier hat bessere Chancen, ungestraft Grenzen zu überschreiten als ein Mensch. Jeder muss außerdem von etwas runterbeißen können, und das darf er nur gegen Geld. Zigtausende Menschen die keines haben, verhungern – täglich, und am Nahrungsmangel liegt es nicht. Alleine was wir wegschmeißen…

Ich entschuldige mich nicht dafür, dass mir die konsequente Umgarnung von Sachzwängen bei näherer Betrachtung absurd vorkommt. Jeder, der Entscheidungen über andere trifft, sollte sich vorher die Augen eines Kindes ausleihen. Denn Kompliziertheit ist nicht der geeignete Weg mit Komplexität umzugehen. Einfachheit ist es.

Das Paradebeispiel dafür ist der Microbloggingdienst Twitter: Das Geheimnis von Twitter ist die Offenheit für alle, woraus eine Art intelligenter Selbstorganisation hervorgeht, die keiner explizit steuern muss. Ich melde mich an und entscheide völlig frei, wann, womit und ob ich mich einbringe. Welcher Diskussionsgruppe ich temporär angehöre, kann ich – muss aber nicht – mit einem Hashtag ausdrücken. Es ist direkter, es ist einfacher wie herkömmliche Communities, und das Mitmachen raubt einem weniger Zeit, bei einer höheren Erfolgsquote die sich schon in kurzer Zeit bemerkbar macht. Das soll nicht heißen, Twitter ist generell besser als die klassischen Communities, es ist einfach anders, intuitiv. Wenn man gibt, bekommt man auch was zurück. Und wenn jeder gibt, haben alle genug. Die Unerschöpflichkeit dessen, was Menschen füreinander tun und sein können unterscheidet eine Kultur des Gebens von einer Kultur des Forderns.

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