Apr
16

Hundepsychologen predigen den Haltern, dass ihr Hund eine Aufgabe braucht, um sich hundewohl zu fühlen. Uns selbst wollen wir das aber nicht zugestehen. Sprüche wie “man lebt nicht um zu arbeiten, man arbeitet um zu leben” könnten unfällig vermitteln, dass Arbeit auch freudlos sein darf. Warum ein Drittel meines Lebens mit Freudlosem verschwenden? Lebenszeit verkaufen – im wahrsten Sinne des Wortes?

Ohne je ein Füreinander gelernt zu haben, hätten wir wohl keine Wirtschaft entwickelt. Dass diese sich zunehmend über Geld definierte und immer weniger über Menschlichkeit, war das Resultat einer veränderten Haltung (Einstellung > biochemische Disposition > emotionale Bewertung) – zur Arbeit, zur Leistung, zu den Rohstoffen, zu den Menschen für die man ja angeblich Nutzen schaffen wollte. Die Zerstörung ihrer Lebensumgebung ist aber zweifelsfrei mehr Schaden als Nutzen. Als könnte uns etwas dazu zwingen, so kurz zu denken. Die Geldzwangsjacke haben wir uns selbst angezogen, und nur wir selbst können uns davon wieder befreien.

Um rational zu entscheiden weiß kein Mensch genug. Kalte Berechnung findet statt, wenn uralte Triebe direkt in den Verstand durchschalten, als Rationalität getarnt, und die vielschichtige emotionale und soziale Verarbeitung im Gehirn einfach umgehen, indem sie schnurstracks auf die vorausberechnete Belohnungsaussicht zustreben. Ein Verstand ist ein Trieberfüllungswerkzeug, und das hängt nicht davon ab, ob er sich von Gefühlen oder Kennzahlen leiten lässt. Über einen Verstand zu verfügen macht nicht automatisch auch vernünftig. Vernunft ist eine Haltung (Einstellung).

Der Fehler im System ist, dass die Erfüllung eines Bedarfs immer von der Zahlungsfähigkeit des Gegenübers abhängt, und man seine Bereitschaft ihm weiterzuhelfen, davon abhängig macht ob er sie bezahlen kann. Das macht uns zunehmend unfrei, einander zu helfen, ohne dabei selbst zu verlieren (rein materiell gesehen). Die (evolutionäre) Folge ist, das Sozialverhalten verkümmert. Damit geht aber auch die Weit- und Breitsicht verloren, da der Verstand nur eine lineare Denke beherrscht.

“Geld um jeden Preis” heißt auch, einer Tätigkeit nachgehen zu müssen, die man ohne Not nicht in Betracht ziehen würde. Nenn mich eine Träumerin, doch ich bin überzeugt davon, dass Jobs die wenig begeistern, auf Dauer nicht gut für einen selbst und jene für die sie ausgeführt werden, sein können. Gefühle die wir zu etwas haben oder nicht beeinflussen die Qualität des Ergebnisses. Je mehr wir berechnen, umso weniger gefühlte Intensität stellt sich ein, ein Defizit, das teuer kompensiert werden muss, und so geschah es auch. Generation Flatrate: Füllen statt Erfüllung.

Ich würde von mir allerdings auch nicht sagen, dass ich lebe um zu arbeiten. Die Arbeit die ich mir aussuchte ist jedoch ein Teil meines Lebens, den ich genauso wenig missen möchte wie den ganzen Rest. Wenn ich morgens aufwache, freue ich mich schon darauf.

Jun
10
Der Begriff Subsistenz (wörtlich “Bestand haben”, “Selbständigkeit”) bezeichnet ein philosophisches Konzept, bei dem sich das Bestehende aus sich selbst erhält. Subsistenz ist auch ein selten gebrauchtes Fremdwort für Lebensunterhalt bzw. Lebenshaltung

und

Subsistenz wird auch im Zusammenhang mit der Wirtschaftsform einfacher Gesellschaften, der Subsistenzwirtschaft verwendet, bei der in geschlossenen Systemen die wirtschaftliche Leistung der Selbstversorgung dient und auf die Deckung des Eigenbedarfs ausgerichtet ist; vgl. Nachhaltigkeit (Quelle: Wikipedia)

und wird laut nächster Definition auch dafür verwendet,

um vorindustrielle, “primitive”, “stagnierende” oder “naturalwirtschaftliche” Gesellschaften zu kennzeichnen. Heutige Subsistenz – etwa bei der landwirtschaftlich-gärtnerischen Produktion zur Selbstversorgung oder in der Hausarbeit – wird dementsprechend meist abwertend als “zurückgeblieben” oder “unterentwickelt” eingeordnet.

Quelle und ausführliche Texte dazu:

Teil 1: Unterentwicklung und Knappheit – Ergebnis der Zerstörung von Subsistenz.
Teil 2: Das ökonomische Kalkül als unser Innerstes, als das System in uns
Teil 3: Die “Einzelnen in ihrer Fülle” wieder sehen und anerkennen
Teil 4: Eine andere Gesellschaft: Landkultur, Frauen*macht* und Feiern

Wenn Intelligenz die selbstgelenkte Nutzung von Verarbeitungskapazitäten ist, und Subsistenz bedeutet, sich selbst am Bestand halten zu können, gehören die beiden wohl zusammen

Das Ende des vierten Kapitels spricht mich so sehr an, dass ich es, da mit Verweis auf die Quelle gestattet, zitiere:

Außerdem ist Subsistenz kein Kuchen, den man irgendwann aufgegessen hat. Sie hat nämlich die wunderbare Eigenschaft, mehr zu werden, je mehr man sie nutzt, und nicht weniger, sondern mehr, wenn sie “angewandt” wird, wenn man sie zuläßt. Mit der Muttermilch ist das auch so. Umso mehr das Kind trinkt, desto mehr Milch ist da. Und wenn es weniger trinkt, ist weniger da. Da ist gar keine “Grenze”. Also die “Unendlichkeit” ist eigentlich auf dieser Seite und nicht auf der der Warenproduktion. Da ist sie nur eine Fiktion. Aber hier ist es wirklich so. Die Subsistenz ist kein Kuchen, der aufgeteilt werden muss und irgendwann alle ist, und deswegen braucht sich auch niemand zu sorgen um die ständige Möglichkeit dieser Fülle, wenn auch keine an Waren. Sie ist daher eben nicht mies, knickerig und kleinlich, asketisch, protestantisch, links oder rechts, sondern sie ist Subversion. Subsistenz ist schließlich auch kein “Widerstand”, den das System dringend braucht, damit es sich weiterentwickeln, überall eindringen kann. Sondern Subsistenz ist die Überflüssigkeit von Herrschaft durch das Zulassen der Vielfalt und den Umgang mit der Fülle des Lebens.
Feb
05

Jeder, der schonmal einer Sache müde wurde, weiß, füllen ist nicht dasselbe wie Erfüllung. Doch auch wenn man von etwas nicht genug kriegen kann, steckt die Erfüllung da nicht drin, sonst müsste sich irgendwann Zufriedenheit einstellen. Dass wir das mit Geld und heutigen Formen des Konsums nie erlangen, muss einem erstmal auffallen. Wir erleben Unzufriedenheit ja als normal, da uns ständig *Lösungen* dafür vor Augen geführt werden und wir keine Orientierungskonstante (mehr) benutzen (ganzheitliches Wohlbefinden > Glück), sondern nur Unterschiede heranziehen können – also den aktuellen Status daran bewerten wie er vorher war oder an dem anderer.

Wenn ich mir die (gesamte) Welt so ansehe – bilden wir darauf augenscheinlich (nur das) ab, was unser Gehirn erfasst hat, und da ist die tiefere Vernetzung ausgedünnt. Der emotional-soziale Puffer steht kaum noch zwischen Reiz und zunehmend systematischer Triebabhandlung. Sonst hätte die Automatisierung unser aller Leben einfacher und bequemer gemacht. Stattdessen drängte sie uns in eine neue Form des alten evolutionären Wettkampfs. Sie vervielfachte das Aktionspotential (die Geldmenge) einzelner, indem sie die Potentiale von immer größeren Massen abfassen und gleichzeitig bestrebt sind, diese so wenig wie möglich an ihren individuellen *Erfolgen* zu beteiligen. Früher ging’’s wenigstens noch um Nutzen und Ideen, heute ist das Ziel von vorherein, aus dem Markt möglichst viel Geld abzuernten. Womit ist dann auch schon wieder sekundär. Da rutschen dann schon mal Gifststoffe in Babyfläschchen und Kinderspielzeug, damit die Rechnung aufgeht.

Die isolierte Betrachtung und Fortentwicklung einzelner Aspekte machte uns höchst effizient darin zu bekommen, was wir (glauben zu) wollen. Doch trennen wir (wegen der isolierten Betrachtung) lediglich per Definition, was losgelöst voneinander nicht funktionieren kann. Emotionen und Verstand zum Beispiel, oder Wirtschaft und Menschlichkeit. Ausgelaugte Massen sind ein schlechtes Fundament und können das System nicht mehr stützen. Fördermittel müssten eigentlich ihrer Stärkung zukommen und in Bildungsmaßnahmen, Jugendarbeit und Unterstützung kleinerer Unternehmen fließen.

Die Hemmschwelle zu kriminellen Handlungen sinkt mit steigender Armut. Neuerdings wird in Österreich in Häuser eingebrochen, während sich die Besitzer darin aufhalten – ein Indikator dafür, wie dem individuellen Wohlbefinden abträgliche Entwicklungen Reizschwellen senken, um die erlebten Verluste noch auszugleichen zu können. Botenstoffemathematik.

Es kommt mir vor, dass dem *modernen* Menschen der Wirklichkeitsbezug (Ignoranz von Wirkungen) verloren ging, um einer Realität zu entsprechen, die überwiegend nur noch unsere Beziehung zu Geld abbildet, da das Streben danach aus überlebenstechnischen Gründen am Relevantesten in uns wirkt (getriggert > Geld erfüllt alle Triebe, aber eben nur das und auch nur indirekt). Unsere Biologie hat für so abstrakte Dinge wie Kontostände allerdings keine angemessenen physischen Reaktionen parat, dafür wäre mehr Differenzierungsarbeit zu leisten, die vor anderen Erfordernissen weichen muss. Sicher ist mal, dass der Mensch eine Menge Faktoren ignoriert, und das hat nichts mit dem zu tun was wir (nicht) wissen, sondern was wir (nicht mehr) fühlen. Was wir beispielswiese für Geld *empfinden* steht eigentlich den Ressourcen zu und allem, was uns tatsächlich am Leben erhält. Zum Beispiel die Erde und alles auf ihr drauf.

Systematische Lernprozesse anerkennt das Gehirn nicht mit Ausschüttungen, weil es sie nicht in seine Intuition einbeziehen kann, bzw. es kann sie deswegen nicht einbeziehen, weil der physische Erlebniseindruck fehlt, mit dem Wissen in *Fleisch und Blut* übergehen kann. Obgleich wir zu intelligenten Leistungen (nach unserer eigenen Einschätzung, und hier kennen wir das obere Ende der Skala nicht) fähig sind und dabei mit festgelegten Werten arbeiten können, sind wir immer noch emotional lernende Lebewesen und keine Faktenkopiermaschinen. Je schärfer wir rechnen, umso mehr (Variationsvielfalt, Vorstellungsvermögen, Empathie, soziales Gewissen) könnte uns von dem verloren gehen, was uns als Menschen ausmacht.

Feed Icon