Früher war es für mich normal davon auszugehen, dass tierische Produkte ein notwendiger Bestandteil der menschlichen Ernährung sind wie für viele noch heute. Schon daher kann ich sie nicht verurteilen, was auch nichts brächte. Denn sie gegen mich aufzubringen heißt, sie auch von meiner Lebensweise abzuschrecken, ein Effekt, wie er kontraproduktiver nicht sein kann. Es geht um das Leben, nicht “nur” jenes der Tiere, sondern auch das der Menschen (die auch nicht einfach “aus ihrer Haut” können). Es kann nicht unsere Aufgabe sein, die Lebensweise anderer in Frage zu stellen, sondern ihnen positive Impulse zu schenken, die dazu führen, dass sie selbst bereit sind Neues auszuprobieren, ohne dabei das Gesicht zu verlieren. Das gelingt besser, wenn Wohlgesonnenenheit gegeben ist. Hass ist genau so wenig eine Antwort wie Neid oder Gier eine sein kann. Denn sie verengen – wie die von uns aus gutem Grund nicht gut geheißene Ignoranz – das Gesichtsfeld, statt es zu erweitern – wie beispielsweise Vertrauen und Liebe es tun.
Die Stärke des durchschnittlichen Verstandes war es noch nie, verschlungene und vielschichtig miteinander vernetzte Pfade (die dann ein Netzwerk bilden) zu erfassen. “Man sieht nur mit dem Herzen gut” ist eine technisch zutreffende Feststellung, weil wir mit der Intuition eine mit all unseren Werten versetzte Gesamteinschätzung erhalten die etwa 375.000 mal informationsdichter ist als der (evolutionäre) Rest, der den Verstand noch erreicht. Das verstehe ich heute, weil ich es sehen und erleben kann. Früher war das halt ein netter Spruch.
Was hat mein Denken verändert? Nun, diesbezüglich hatte ich einen kleinen Vorteil, die KI-Forschung (KI = künstliche Intelligenz), im Zuge derer ich verstehen wollte, wie das Denken funktioniert. Der Beobachter verändert das System. Die Funktionsweise des Denkens zu durchdenken verändert das Denken. Das ist natürlich eine Untertreibung, es stellt alles auf den Kopf und alles in Frage, von Grund auf, bis hin zu den frühkindlichen Prägungen. Die Auswirkungen waren anfänglich recht beunruhigend, weil ich damit jeglichen Anker verlor. Ich war beschämt, desillusioniert und fühlte mich in Anbetracht der Menschheitsprobleme und ihrer Ursachen hoffnungslos erschlagen. Manche hätten mir wohl vorgeworfen, mein Realitätsbezug wäre verloren gegangen. Allerdings halte ich unsere Lebensweise für signifikant dafür, dass dies ein allgemeines Problem ist – Verlust des Realitätsbezuges, genau genommen der wahrheitsgemäßen Wert(ein)schätzung (falsche Daten führen zu falschen Schlüssen und Entscheidungen, deren Folgewirkungen sich dann als Schaden erweisen).
Doch über die Zeit wurde mein Bezug zur Umgebung lediglich erneuert, und die Orientierung wieder hergestellt. Die Flexibilität des menschlichen Gehirns ist wahrlich erstaunlich – m.E. ist es mindestens um den Faktor 20 intelligenter als das Bewusstsein. Meine (emotionale) Bewertung erfuhr eine Reorganisation, ausgerichtet an einem Ziel jedoch, der Vision des (wieder!) zukunftsfähigen Menschen (das Wohl aller > lediglich eine Rechenaufgabe mit Werten, die ich als die größte Herausforderung der Menschheit sehe). Fazit: trotz alledem bin ich immer noch ich, und auch für Bekannte die mich lange nicht getroffen haben noch als die Person erkennbar, die sie in Erinnerung behielten.
Veganismus war die schlichte, logische Konsequenz, mit oder ohne Tierliebe. Die Wahrheit um die es geht, liegt nämlich in der Wirkung.
Liebe bewirkt Akzeptanz, Berücksichtigung, Integration (von Menschen und ihren Werten / Aspekten) in unser Denken. Unsere Methoden für unser Auskommen zu sorgen sind mittlerweile so Effizient geworden, dass alles durch den Rost fällt, was uns gleichgültig geworden ist – aber anderen vielleicht noch nicht. So geschah es, dass wir selbst das Funktionieren unserer Lebensumgebung aufs Spiel setzen, weil die meisten Menschen keinen Gefühlseindruck mehr haben, der sie in ihrem Denken adäquat gewichtet. Denken wiederum kann man sich als lineare Abfolge vieler kleiner Einzelentscheidungen vorstellen, in denen die Gewichtung der Einzelaspekte vom einst erlernten oder noch vorhandenen emotionalen Bezügen geprägt ist. Anders ausgedrückt: Was uns emotional nicht berührt(e) bewegt auch nicht unser Denken. Dass die Trägheit des Herzens und des Geistes in einem Zug genannt sind, ist also technisch gesehen richtig. Werte (Gefühle) sind tatsächlich der Schlüssel. Selbst Rationalisten werden nicht umhinkommen, sich mit den technischen Gegebenheiten zu arrangieren. Nicht Hochsensibilität ist nämlich ein Defizit, sondern die Reduktion der Wertebandbreite, die ursächlich dafür ist, dass Menschen sich nicht nur über ihre physischen Grenzen, sondern gleichzeitig auch über Interessen anderer (Lebensformen / Menschen > egal, Methodik und Gesinnung sind dieselben) hinwegsetzen und so zerstören, was für alle (über)lebenswichtig ist.
Je länger ich mich mit Kognitionsforschung beschäftige, umso kleiner werden die Unterschiede. Zumindest für kurze Momente kann ich mich in die kognitive Welt eines Tieres hinein versetzen. Auch daher hatte ich gar keine andere Wahl, als für das Leben zu stimmen und pro vegan zu werden, doch es war meine, an neuen Erkenntnissen folgerichtig getroffene, Entscheidung.
Um das angewandte, an der Stimulation des Belohnungszentrums beteiligte, Wertespektrum zu erweitern, muss die Empfindungsfähigkeit ausgedehnt werden. So klein wie sie jetzt ist, reicht sie definitiv nicht aus. Es ist nicht der Verstand der die Entscheidungen trifft. Er ist die letzte Instanz die überhaupt davon erfährt. Genau genommen ist er nur die Hure unserer Werte, kann aber auch das intelligenzsteigernde Analysewerkzeug sein, mit dem wir unsere Wert(ein)schätzung (immer wieder) neu justieren.








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